„Wie das Internet mich auf die Straße zog“

Vom Fridays for Future-Nachrichten im Bett anschauen zum radikalen Einsatz für soziale Gerechtigkeit auf der Straße

 

Die*der Schüler*in einer elften Klasse berichtet in dem Audio-Beitrag von ihre*m Weg vom „Wunsch, die Welt lebenswerter zu machen“ hin zum eigenen politischen Engagement. Die Person setzte sich im Rahmen eines Workshops damit auseinander wie Frauen, Trans*, Inter und nicht-binäre Personen weltweit das Internet nutzen, um sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Die*der Schüler*in reflektierte im Anschluss, welche Rolle das Internet und die Bewegung Fridays for Future spielten, um selbst „Banner zu malen, Pride Flaggen aufzuhängen und Demonstrationen von Nazis zu blockieren“.

Der Audio-Beitrag ist hier auch als Text verfügbar:

„Ich hätte nie gedacht, dass das Internet mich ins wahre Leben holt. Bisher hatte es mich eigentlich immer aus dem Moment und der Realität herausgerissen.

Als sich Anfang 2019 Fridays for Future in Berlin gebildet hat, wurde ich gleich angezogen durch mein Interesse an neuen Dingen und dem schon immer vorhandenen Wunsch, die Welt lebenswerter zu machen. Meine ersten Demo Erfahrungen waren geprägt durch eine breite Masse an Schüler*innen, die sich größtenteils das erste Mal politisch engagierten und dem minutenlangen Hüpfen, um zu zeigen, dass ich für einen Kohlestopp bin. Ich erinnere mich an das Gefühl von Hoffnung, Wut und der Macht, der für die gleiche Sache einstehende Gemeinschaft, dessen ich nicht widerstehen konnte und mich so immer weiter belesen habe, während ich gleichzeitig auf der Straße brüllte.

Doch diese Erfahrung konnte ich nur durch das Internet machen. So blöd es sich anhört, ohne mein Handy würde ich jetzt noch immer in meinem Bett sitzen und lesen. Aber nicht politische Theorie, sondern eher so etwas wie „Mein Glückliches Leben“, was vergleichsweise meine Stimmung ungefähr so runtergezogen hatte, wie jetzt die Ignoranz der Politiker*innen, das Geschehen an den EU-Außengrenzen, sowie das alltägliche racial profiling in Neukölln und die Repression linker Aktivisti.

Das sind nur wenige von den vielen Themen, die mich heute beschäftigen und somit auch stark belasten. Ich denke, dass diese Belastung durch das starke Mitgefühl und die zu zeigen wollende Solidarität, welche beide ein großer Teil linker Ideologie sind, ausgelöst wird.

Wir können nicht einfach die Nachrichten schauen, uns zwei Minuten darüber aufregen, dass schon wieder ein rechtsextremer Terroranschlag war und dann aber ganz normal wieder ins Bett gehen. Dass die Menschen bestimmte Themen nicht so sehr an sich ranlassen und sich vor allem um ihre persönlichen Probleme kümmern, ist bestimmt einfacher. Doch jede*r einzelne hat seine Wut und seine Stimme um das Leben aller zu verändern und als Person, die privilegiert genug ist, dieses auch zu tun, ist und war es für mich die beste Entscheidung.

Bevor ich mich politisiert habe, ging es mir jedoch ähnlich wie eben beschrieben, ich habe gesehen, dass etwas schlimmes passiert ist, mich geärgert, Mitleid gezeigt, doch dann bin ich wieder zurück zu meinem Alltag und habe den ganzen Scheiß wieder ausgeblendet. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass man sich engagieren kann. Doch um wirklich damit anzufangen, brauchte es eine Bewegung wie Fridays for Future, die mich aus meinem Zimmer gezogen und auf die Straße geworfen hat.

Heute bin ich vielseitig politisch und sozial aktiv. Von Bannern malen und Pride Flaggen aufhängen zu sieben Stunden Nazis blockiere. Von Obdachlosenhilfe zum schwarzen Block. Heute definieren zahlreiche Diskussionen und mindestens zehn Stunden politischer Arbeit in der Woche meinen Alltag. Ich liebe was ich mache und ich liebe es Menschen zu helfen. Doch gleichzeitig bin ich noch immer gefangen zwischen Hoffnung, Wut und Verzweiflung. Trotzdem appelliere ich auf die Straße zu gehen, sich zu organisieren. Und zu verändern.“

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