Foto "Hashtag #MeToo" von Wolfmann unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 via wikipedia
Übung 2

Strategien gegen Gewalt im Internet


zur übung

methodenbeschreibung

Kurzdefinition

Die Teilnehmer*innen setzen sich mit Hashtags aus Argentinien, Chile, Kolumbien, den USA und Deutschland auseinander. Sie erkennen anhand der Zeitstrahlmethode, wie Hashtags weltweit als empowernde Strategien gegen Gewalt genutzt werden. Sie tauschen sich aus, welche Veränderungen oder Kontinuitäten die Zeitpunkte aufzeigen.

Die Übung vermittelt Informationen zu den Themen Körpernormen, sexualisierte Übergriffe, Feminizide und Hatespeech. Die Teilnehmer*innen reflektieren, dass sich diese Gewalt aufgrund sexistischer und patriarchaler Herrschaftsverhältnisse insbesondere gegen cis-Frauen, Trans*-, Inter- und nicht-binäre Menschen richtet. Dadurch kann diskutiert werden, inwiefern Gewalt im digitalen Raum eine Fortsetzung von Gewalt im physischen Raum, z.B. in der Schule oder am Arbeitsplatz, ist.

Methode: Zeitstrahlmethode, Kleingruppenarbeit, Ausstellung
Zeitaufwand: 90 min
Zielgruppen: Oberstufe ab Klasse 11, außerschulische Jugendgruppen, junge Erwachsene
Gruppengröße: 10 – 30 Teilnehmer*innen
Raum, Aufbau: fünf Stationen, falls möglich in verschiedenen Räumen
Material: Flipcharts/ Plakatpapier, Marker, Schere, Klebstoff, buntes Papier, 4 Laptops/ Tablets/ Smartphones mit Lautsprecher/Kopfhörer, Internet (WLAN)
Arbeitsmaterial: Zeitstrahl mit Stationenbeschreibungen und Materialien (Arbeitsaufträge, Hintergrundtexte)
Teamer*innen: 2 (wir empfehlen, die Methode unbedingt mit 2 Personen durchzuführen, damit besser auf Herausforderungen reagiert werden kann)
Komplexität: Die Übung behandelt ein komplexes Thema. Die Materialien erfordern Konzentration. Die Videos sind teilweise auf Spanisch mit Untertiteln. Als Vorwissen sollte eine gewisse Sicherheit im Umgang mit digitalen Medien gegeben sein und es ist von Vorteil, wenn soziale Medien wie Twitter und Instagram bekannt sind.

Ziele

Die Teilnehmer*innen verstehen durch die Auseinandersetzung mit Initiativen aus dem Globalen Süden und dem Globalen Norden, dass die Nutzung von digitalen Medien in Herrschaftsverhältnisse, wie Sexismus oder Homo-/Bi-/Transfeindlichkeit eingebettet ist. Sie reflektieren, dass sich Gewalt gegen cis-Frauen, Trans*-, Inter- und nicht-binäre Menschen weltweit in physischen Räumen unterschiedlich äußert. Die Teilnehmer*innen erkennen, dass sich diese Gewalt im digitalen Raum fortsetzt, auch wenn es spezifische Formen digitaler Gewalt gibt.

Anhand von Hashtags, die als Strategie gegen Gewalt an cis-Frauen, Trans*-, Inter- und nicht-binären Menschen genutzt werden, werden für die Teilnehmer*innen empowernde Handlungsspielräume im digitalen Raum sichtbar. Sie reflektieren, dass Hashtags weltweit als Handlungsform genutzt werden um sich für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.

Ablauf

Der Zeitstrahl umfasst fünf Beispiele von Hashtags. Zu jedem Hashtag gibt es zwei verschiedene Zeitpunkte, die jeweils unterschiedliche Informationen zum Hashtag behandeln. Dadurch wird die zeitliche Entwicklung (z.B. Veränderung der Reichweite der Hashtags) deutlich. Jeder Zeitpunkt besteht aus einer Kurzbeschreibung und weiterführenden Materialien (Videoclips, Hintergrundtexte) sowie dazu gehörigen Aufgabenstellungen. Die Teilnehmer*innen entscheiden sich am Anfang von der Übung für einen der fünf Hashtags. Die*der Teamer*in sollte diese deshalb zu Beginn kurz vorstellen:

  • #niunamenos: Bei diesem Hashtag aus Argentinien geht es um Feminizide und feministischen Protest dagegen.
  • #notheidisgirl: Die Teilnehmer*innen beschäftigen sich mit den Themen Körpernormen und Schönheitsideale. Mindestens ein*e Teilnehmer*in sollte Zugang zu Instagram haben.
  • #metoo: Die Sichtbarmachung von unterschiedlichen Formen sexualisierter Gewalt und Übergriffen wird behandelt und die durch #metoo bewirkten Veränderungen diskutiert.
  • #unvioladorentucamino: Die weltweit aufgegriffe Video-Performance des chilenischen Kollektivs Las Tesis kritisiert sexualisierte Gewalt.
  • #alertamachitroll: Die Teilnehmer*innen setzen sich anhand der Initiative aus Kolumbien mit dem Thema Hatespeech (Hassrede) auseinander.

Vorbereitung

Vor der Durchführung der Übung bauen die Teamer*innen die fünf Stationen auf. Die Teamer*innen sollten entsprechend der räumlichen und technischen Gegebenheiten entscheiden, ob

  • die Kleingruppen mindestens ein Gerät haben um mit den Videos/ Audios zu arbeiten und sie die Hintergrundtexte ausdrucken (pdf-Dateien im Zeitstrahl-Tool runterladen, im Download-Ordner sind die Texte auch als Word-Dateien verfügbar)
  • die Teilnehmer*innen komplett mit dem digitalen Zeitstrahl-Tool auf z.B. Tablets und Smartphones arbeiten.

Für den Einstieg empfehlen wir den Zeitstrahl per Beamer zu zeigen (die Teamer*innen rufen dann nacheinander jeweils den ersten Zeitpunkt der Stationen auf). Alternativ kann mit Klebeband im Raum ein Zeitstrahl gezogen werden. Das h5p-Tool Zeitstrahl hat leider keine Funktion zum Ausdrucken. Die Zeitpunkte (Kurzbeschreibungen und Aufgaben) müssen in dem Fall also entweder per Bildschirmfoto oder Copy & Paste von den Teamer*innen selbst erstellt und dann bei den Zeitpunkten im Raum platziert werden.

Durchführung

Die Methode hat vier Teile: Einstieg, Kleingruppenphase, Ausstellung der erarbeiteten Ergebnisse, Diskussion und Reflexion im Plenum.

Einstieg (10 Minuten):

Zu Beginn fragen die Teamer*innen, ob die Teilnehmer*innen kurz erklären können, was ein Hashtag ist. Es wird sichergestellt, dass alle wissen von was gesprochen wird. Danach stellen sie den Ablauf der Methode vor und geben einen Überblick über die zur Auswahl stehenden Beispiele (s. oben).

Die Teilnehmer*innen betrachten in Ruhe den Zeitstrahl mit den Hashtags. Zu jedem Hashtag wird jeweils die Kurzbeschreibung des ersten Zeitpunktes vorgelesen. Im Anschluss sollen sich die Teilnehmer*innen nach Interesse jeweils einem Hashtag zuordnen. Alternativ können sich die Teilnehmer*innen selbstständig in Kleingruppen zusammenfinden (z.B. nach Geschlechtern, siehe Fallstricke) und sich dann gemeinsam für einen Hashtag entscheiden. Eine Kleingruppe sollte nach Möglichkeit aus mindestens zwei bis maximal sechs Personen bestehen.

Kleingruppenphase (40 Minuten):

Die Teilnehmer*innen finden sich an der jeweiligen Station zu ihrem Hashtag zusammen und haben insgesamt 40 Minuten Zeit für die Kleingruppenphase. Sie haben nun pro Zeitpunkt 20 Minuten Zeit, um sich die Videos und Texte anzuschauen und anhand der bereitgestellten Arbeitsaufträge darüber ins Gespräch zu kommen. Sie sollen dabei die für sie wichtigsten Punkte auf einem Plakat sammeln. Ziel ist, dass das Thema ihres Hashtags im Anschluss bei der „Ausstellung“ für alle anderen Teilnehmer*innen verständlich wird.

Um die Plakate ansprechend zu gestalten, können die Teilnehmer*innen bereitgestellte Materialien wie bunte Marker oder Papier benutzen. Nach 20 Minuten weisen die Teamer*innen die Teilnehmer*innen darauf hin, dass sie sich den Materialien und Aufgaben des zweiten Zeitpunkts widmen sollen. Die Teamer*innen begleiten die Kleingruppen während ihres Arbeitsprozesses, klären offene Fragen und behalten die Zeit im Blick.

„Ausstellung“ (10 Minuten):

Nach der Kleingruppenphase hängen die Gruppen ihre Plakate im Raum auf. Alle Teilnehmer*innen bewegen sich nun für etwa 10 Minuten durch die „Ausstellung“ und gucken sich die Plakate der anderen Kleingruppen an. Sie können mit ihren Nachbar*innen in kleinen Murmelgruppen über die einzelnen Plakate ins Gespräch kommen. Nachdem die Teilnehmer*innen alle Plakate angeschaut haben, kommt die Gruppe im Plenum zusammen. Zunächst fragen die Teamer*innen nach Verständnisfragen und klären diese. Dabei ist es wichtig noch nicht in eine inhaltliche Diskussion einzusteigen.

Diskussion und Reflexion

Die 30-minütige Diskussions- und Reflexionsphase kann entweder im Plenum mit der gesamten Gruppe oder in zwei kleineren Gruppen (ggf. getrennt nach Geschlechtern, siehe Fallstricke) von den Teamer*innen angeleitet werden. Bei zwei Gruppen teilen sich die Teamer*innen auf. Der Vorteil liegt in darin, dass sich in kleineren Gruppen Teilnehmer*innen sicherer fühlen könnten, ihre Gedanken mitzuteilen.

Die folgenden Fragen sind danach unterteilt, welche Reflexionen und Diskussionen sie im Hinblick auf die Lernziele anregen. Sie können je nach Gruppe und Lernziel ausgewählt werden:

Gefühle:

  • Wie fandet ihr die Übung?
  • Welche Hashtags fandet ihr besonders spannend? Welche Aspekte haben euch überrascht?

 

Gewalt gegen cis-Frauen, Trans*-, Inter- und nicht-binäre Personen als Ausdruck global wirkender Herrschaftsverhältnisse:

  • Welche Themen behandeln die Hashtags? Wo seht ihr Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten?
  • Was sind die Ziele der Hashtag-Kampagnen? Erkennt ihr Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?
  • Welche Hashtags sind Antworten auf Gewalt im Internet?
  • Welche Hashtags reagieren im Internet auf physische Gewalt im Alltag?
  • Welche Unterschiede seht ihr zwischen Gewalt im physischen Alltag und Gewalt im Internet?

 

Hashtags als Strategie gegen Gewalt:

  • Habt ihr schon mal selbst einen Hashtag genutzt und wenn ja, warum?
  • Wie findet ihr die Idee, Hashtags als Strategie gegen Gewalt zu nutzen?
  • Welche Veränderungen fallen euch bei der Betrachtung des Zeitstrahls auf? Was ist gleich oder ähnlich geblieben?
  • Können Hashtags zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen? Wenn ja wie?
  • Welche Gefahren und Schwierigkeiten seht ihr bei der Nutzung von Hashtags?

Fallstricke

  • Die in der Übung thematisierte Gewalt kann bei den Teilnehmer*innen eigene Erfahrungen holen und Gefühle triggern. In #notheidisgirl berichten Mädchen beispielsweise in einem Beitrag von Erfahrungen, die an traumatische Erlebnisse erinnern können. Dies kann ganz individuell verschiedene psychologische Folgen haben. Deshalb ist es wichtig, dass die Teilnehmer*innen individuell entscheiden können, ob und an welchen Inhalten sie teilnehmen.
  • Die Teamer*innen sollten diesbezüglich aufmerksam sein und sich vor der Durchführung der Methode Zeit nehmen zu überlegen, ob sie passend für die Zielgruppe ist bzw. wie ein möglichst achtsamer Raum hergestellt werden kann. Die Teamer*innen sollten sich vorab informieren, wer auch nach dem Workshop mögliche Ansprechpersonen für die Teilnehmer*innen sind und ihnen diese Information mitteilen.
  • Die Methode regt dazu an über eigene Erfahrungen zu berichten. Hierbei sollte im Vorfeld gegenüber allen Teilnehmer*innen deutlich gemacht werden, dass die individuellen Erfahrungen nicht in Frage gestellt, diskutiert oder als unwichtig bewertet werden dürfen. Jede individuelle Erfahrung ist wichtig und muss Raum finden, unkommentiert gehört zu werden. Außerdem sollte die Gruppe sich zu Beginn darauf einigen mit dem Gesagten vertraulich umzugehen. Zusätzlich können die Teilnehmer*innen regelmäßig bei den Kleingruppen vorbeikommen um einzuschätzen, ob sensibel miteinander umgegangen wird.
  • Wie beschrieben, ist der wertschätzende Umgang mit von Teilnehmer*innen geäußerten persönlichen Erfahrungen wichtig. Die Teamer*innen sollten dennoch darauf achten, dass die Übung nicht das Ziel eines (selbsttherapeutischen) Erfahrungsaustauschs verfolgt, bzw. diesen nicht leisten kann. Ziel der Übung ist, dass sich die Teilnehmer*innen über die in den Materialien behandelten (globalen) gesellschaftlichen Machtverhältnisse austauschen.
  • Es kann gegebenenfalls sinnvoll sein, die Kleingruppen nach Geschlechtern zu trennen (z.B. Gruppen für cis-Frauen, Trans*-, Inter- und nicht-binäre Menschen und Gruppen für cis-Männer). Das kann den Teilnehmer*innen einen sichereren Austauschraum öffnen, in dem Meinungen und ggf. Erfahrungen eher geteilt werden. Die Teilnehmer*innen sollten sich unbedingt selbst den Gruppen zuordnen und die Teamer*innen sollten intervenieren, wenn die Zuordnung in Frage gestellt wird. Je nach Gruppe könnte auch angeboten werden, dass schwule, lesbische und queere Personen in eine gemeinsame Gruppe gehen, um einen geteilten Erfahrungsraum bezüglich von Homo-/Bi-feindlichkeit und Heteronormativität zu schaffen.
  • Die Darstellung von Ereignissen und Veränderungen in Form eines Zeitstrahls entspricht dem vorherrschenden linearen Verständnis von Zeit, bzw. kann dieses bestärken. Gruppen, die sich bereits vertieft mit Kolonialismus und Rassismus beschäftigt haben, könnten diesbezüglich Reflexionen zur Methode einbringen. Aufgrund eingegrenzter Lernziele wird dieser Aspekt in der Übung nicht vertieft.

Verknüpftes Modul

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